Motto und Programm

Das literarische Drehbuch“ ist gleichzeitig Motto und Programm. Ein Drehbuch ist in der Regel Handlungsanweisung für die Herstellung eines Films und wandert danach ins Archiv. Doch gibt es auch Drehbücher, die alle Kriterien erfüllen, an denen ein Werk der Literatur gemessen wird. Unabhängig von ihrer Funktion, erschaffen sie eine einheitliche Welt aus Wörtern. In diesem Fall wird das Drehbuch zum Scharnier zwischen Literatur und Film; es kann sich auch unverfilmt als eigenständiges Werk behaupten.

Vor zehn Jahren, als ich dies schrieb, stand die Literarizität von Drehbüchern in der Literaturwissenschaft noch in Zweifel.  Unter dem Dach der Medienwissenschaft, die gelernt hat,  dass Wörter und Bilder gleichwertige Informationsträger sind, stellt sich die Frage nach „dem Literarischen“ im Film nicht mehr. Der Schlüsselbegriff ist das Narrativ: in Büchern und Filmen wird unermüdlich die Welt erzählt. Die kognitive Seite der Erkenntnis verwalten nach wie vor die Wörter; der nichtsprachlichen Information dienen die Bilder. Die Beobachtung von Szenen und Gesten, die Wahrnehmung von Räumen blieb eine Sache der persönlichen Präsenz,  solange es keine laufenden Bilder gab. Die Filmkonserve ist weit mehr als eine Fotosammlung, denn sie befreit unsere Wahrnehmung von der Bedingung: „Augenblick, verweile!“ Die mit Hilfe von Wörtern beschriebene und erklärte Welt verwandelt sich im Film in eine optisch mitgeteilte, gemeinsam interpretierbare und interpretierte Welt, wozu es dann wieder der Wörter bedarf. Die gesellschaftliche Relevanz des Werkes gibt nicht mehr der Text allein vor. Das Feld der intellektuellen Erkenntnis wird vertieft durch sinnliche Erfahrung: Licht und Schatten, Farben, Töne, Klänge. Das Drehbuch ist nicht mehr eine als Vorlage, die ein Kollektiv von Spezialisten in ein raum-zeitliches Werk umsetzt.  Trotzdem kommt es im Dialog auf jedes Wort an, denn der Zuschauer will verstehen, was vorgeht.  Die Rückkoppelung, die jeder Film, der öffentlich gezeigt wird, erfährt, ist ein aussagekräftiger Diskurs (Foucault). Jedes Buch und jeder Film, ganz gleich, wo und wann die Handlung spielt, spiegelt Ort und  Zeitpunkt seines Entstehens. Die Frage nach der Literarizität eines Drehbuchs erweitert sich also auf seine Rolle im Kontext seiner medialen Realisation.