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Projekt Adolf Grimme

In meinen Archiven hat sich, anlässlich eines Film-Projektes, das sich nicht realisieren ließ, so viel Material über Adolf Grimme angesammelt – Exposés, Dialoge, Szenenentwürfe, Anekdoten, Kommentare – dass es naheliegt, es ins Internet zu stellen. Vielleicht lässt es sich ja noch für andere Zwecke verwenden. Die Reihenfolge der Beiträge, von denen die meisten von mir stammen , orientiert sich zunächst an der Biographie. Langfristig wünsche ich mir, dass sich Ko-Autoren einstellen. Vielleicht finden sich auch Verwandte oder Bekannte Adolf Grimmes, die – so wie ich – nicht wollen, dass er ganz in Vergessenheit gerät und zu dieser Materialsammlung das eine oder andere Detail beitragen, das die Nachwelt interessieren könnte.

Der Medienvisionär

Den Grimme-Preis kennt fast jeder. Adolf Grimme aber kann fast niemand einordnen. Seine Persönlichkeit scheint in dem nach ihm benannten Preis restlos aufgegangen zu sein. 2011 verschwand unauffällig der Vorname „Adolf“ aus dem Markenzeichen für den wichtigsten deutschen Fernsehpreis. GRIMME steht nun für die Auszeichnung wie für das auslobende Institut, eine Stiftung des Volkshochschulverbandes, die 1963, im Todesjahr von Adolf Grimme, ins Leben gerufen worden ist. Die Entpersönlichung hat Symbolwert. Historischer Ballast wird abgeworfen. Der Volkshochschulverband hatte in der Frühzeit des Fernsehens Adolf Grimme posthum zum Schutzengel des öffentlichen Bildungsauftrags berufen – mit gutem Grund, denn er hat die Chancen und Gefahren der neuen Medien als einer der ersten formuliert. Vergegenwärtigt man sich die Entstehung dieses Preises, die (mehrmals revidierten) Statuten, auf denen er beruht sowie die jeweiligen Preisverleihungen, stellt man über ein halbes Jahrhundert hinweg eine erstaunliche Stringenz fest. Auch wenn das Werte-Vokabular sich verändert hat, lassen sich in den Begründungen der Jury nach wie vor Reflexe des politischen und sozialen Engagements finden, das der Namensgeber des Grimme-Preises von den Medienmachern eingefordert hat. Das 50-jährige Jubiläum des Preises wird mit Pomp gefeiert werden – ein Anlass, um auch des Mannes selbst zu gedenken, der die Umbrüche des vorigen Jahrhunderts miterlebt und zum Teil mitgestaltet hat.

25. Dezember 1952: Die erste Fernsehsendung

Das Fernsehzeitalter in Deutschland begann merkwürdig unspektakulär. Als am Abend des 25. Dezember 1952 das flimmernde Testbild vom Bildschirm verschwand und den Blick in das Hamburger Studio freigab, wo der Fernsehintendant des NWDR Werner Pleister die neue Ära feierlich eröffnete, waren im Sendegebiet nicht mehr als 2000 Geräte verkauft.1 Liest man die spärlichen Zeitungsberichte, die das Frühstadium der ARD begleiten, fällt auf, wie skeptisch, fast ängstlich das neue Medium zur Kenntnis genommen wurde. Man befürchtete „Vergnügungstingeltangel nach amerikanischem Vorbild“ 2, der das Familienleben zerstöre und zur Verflachung führe. Adolf Grimme allerdings, der im Amt des Generaldirektors des NWDR zum Wegbereiter des Ersten Deutschen Fernsehens wurde, sah im neuen Medium eine Botschaft von „Licht, Liebe, Leben“ – nicht nur deshalb, weil es zum Weihnachtsfest startete. „Die Ferne wird zur Nähe werden“, prophezeite er. „Das Schicksal der Anderen wird künftig mitten in unserer eigenen Stube stehen, und das Fernsehen kann so aus dem Entfernten unseren Nächsten machen“. 3

Visionäres Pathos

Der hohe Ton, den Grimme in seinen öffentlichen Reden anschlug, wurde von den ernüchterten ehemaligen Kriegsteilnehmern, aus denen die erste Journalistengeneration nach 1945 sich rekrutierte, nicht eben geschätzt. Nach der Sprachverderbnis durch die nationalsozialistische Propaganda war jede Form von Pathos verpönt. Dennoch hatte der Gründungsvater des nordwestdeutschen Senders etwas zu bieten, das heute von vergleichbaren Amtsträgern vergeblich erwartet wird: eine Vision. Adolf Grimme war nicht nur ein erfahrener Verwaltungsbeamter, der in Hamburg in kurzer Zeit eine funktionsfähige Behörde aus dem Boden stampfte.4 Er war auch ein Utopist, der die „hardware“-Realität der Mikrophone und Kameras, der Übertragungswagen und Studios, der Kopierwerke und Schneideräume in den Dienst eines gesellschaftlichen Auftrags gestellt sah. Die neuen technischen Möglichkeiten erschienen ihm wie ein Gottesgeschenk 5, um Bildung und Denken jedermann zugänglich zu machen. Den Deutschen, die in Trümmern hausten, hungerten und froren, verkündete er die frohe Botschaft wie ein Prediger: „Was früher der Kamin war, wie einst die Petroleumlampe den Familienkreis vereinte, das muß im deutschen Haus der Rundfunk werden: der Mittelpunkt der inneren Sammlung“6. Sein Blick aber reichte weiter. Grimme dachte schon in der europäischen Dimension, als Deutschlands Nachbarn es am liebsten von der Landkarte getilgt hätten. Und er sah richtig voraus, dass die Massenmedien bei der Wiederherstellung der europäischen Einheit eine große Rolle spielen würden. Er wollte bewirken, dass Deutschland in der Rückbesinnung auf seine Kultur seinen zivilgesellschaftlichen Status wiedergewinnt.

Kindheit im Kaiserreich

Um zu verstehen, dass Adolf Grimmes Hauptsorge in einer Zeit, als die Menschen am Notwendigsten Mangel litten, sich darauf richtete, den landesweiten, störungsfreien Empfang des NWDR-Programms zu garantieren, muss man seine Biografie kennen. Entbehrung war ihm so geläufig wie der Rückzug in die Welt der Bücher. Er war davon überzeugt, dass der Mensch zu einem geistigen Leben bestimmt ist – was voraussetzt, dass er nicht seine Tage und Nächte für die nackte Existenzsicherung verschwenden muss. Es war offenbar das bittere Schicksal seines Vaters, das seinen Blick auf die Welt geprägt hat. Georg Wilhelm Grimme war 1889, als sein Sohn Adolf geboren wurde, Stationsvorsteher in Goslar. Er hatte, ungewöhnlich genug für einen Bahnbeamten, Abitur. Seinen Lebenstraum, zu studieren, hat er nicht verwirklichen können. Seinem Sohn sollte es besser ergehen. Eine leichte Kindheit hatte Adolf nicht. Der Vater kontrollierte den Schulalltag genau und bestrafte jede Nachlässigkeit hart. Da es in den kleineren Orten, in die er versetzt wurde, keine weiterführenden Schulen gab, wurde der Junge nach Hildesheim zu den Großeltern in Pension gegeben, um das Gymnasium besuchen zu können. 1906 starb der Vater 51-jährig an einer nervös bedingten Magenwandverhärtung, die zweifellos mit den Entbehrungen zusammenhing, die er sich der Familie wegen auferlegt hatte.

Phänomenologische Bibelkunde

Die pietistische Frömmigkeit der Mutter ließ sie den frühen Tod ihres Mannes als gottgegeben hinnehmen. Der junge Adolf zog andere Schlüsse daraus. Eine Gesellschaft, die einem begabten Arbeiterkind den Zugang zur höheren Bildung versagt, erschien ihm als zutiefst ungerecht. Die tröstenden Verweise der christlichen Religion auf ein besseres Jenseits überzeugten ihn nicht. Der Abiturient suchte nach einem eigenen Lebensplan, der es ihm erlaubte, den Eltern gegenüber loyal zu bleiben, ohne seine religionskritische Haltung aufzugeben. In der Bergpredigt fand er die Lösung: Christ sein bedeutet, sich für andere Menschen einzusetzen. Das Reich Gottes kann auf Erden verwirklicht werden, denn es ist das Reich des Geistes, in das man durch Bildung Zutritt erlangt. Gerecht ist eine Gesellschaftsordnung nur dann, wenn sie das Kulturgut Bildung jedermann zugänglich macht. – Damit waren die Weichen für sein aktives Leben gestellt.

Pastor zu werden, wie es die Mutter wünschte, die ihn mit ihrer kleinen Rente durchs Studium fütterte, lehnte er ab. Er sei rhetorisch nicht begabt genug für die Kanzel, erklärte er. Später sollte sich herausstellen, dass dies seine stärkste Begabung war. In Frage kam für ihn nur der Lehrerberuf. Als sein Fach Philosophie ihn in Göttingen ins Seminar von Edmund Husserl führte, begeisterte er sich für die Idee, eine neue Theologie zu begründen (nicht mehr und nicht weniger), indem er das Johannisevangelium phänomenologisch interpretierte. Dieses Ziel erschien ihm sein Leben lang erstrebenswerter als alles, was er in seinen Ämtern zustande brachte. Seine letzten Jahre widmete er dem Essay „Über Sinn und Widersinn des Christentums“, der nach seinem Tod 1963 veröffentlicht und kaum beachtet wurde. Hätte er sich damals entschlossen, seine Memoiren zu schreiben, würde die Erinnerung an ihn vermutlich tiefer im kulturellen Gedächtnis der Deutschen wurzeln, als es tatsächlich der Fall ist.

Christlicher Sozialist

Adolf Grimme hat nie mit den Wölfen geheult. Schon seine erste Veröffentlichung kennzeichnet diese Haltung. „Der Freistudent“ in Halle war das Organ der Halleschen „Freien Studentenschaft“, einer liberalen Alternative zu den Traditionsverbindungen, die im Kaiserreich die Universitäten beherrschten. Hier veröffentlichte der Philosophiestudent einen Appell an seine begüterten Kommilitonen, sich an einem Projekt zu beteiligen, das begabte Kinder in den Volksschulen ausfindig machen und kostenlosen Unterricht für sie organisieren sollte, damit sie weiterführende Schulen besuchen könnten… Als junger Lehrer im ostfriesischen Leer erregte er mit seinen modernen Lehrmethoden Aufsehen. Er ersetzte den Frontalunterricht durch diskursive Formen, trat für Meinungsvielfalt ein und erklärte angesichts der Anmutung, für Kaiser und Vaterland zu sterben, nur „die Idee von Gerechtigkeit und Wahrheit“ sei es wert, sein Leben dafür aufs Spiel zu setzen. Er war ein Republikaner der ersten Stunde. 1918 ließ er sich in den Arbeiter- und Soldatenrat von Leer wählen, um als liberaler „christlicher Sozialist“ eine Radikalisierung zu verhindern. Mit einem Häuflein Gleichgesinnter bildete er nach 1922 eine Randgruppe innerhalb der noch weitgehend marxistischen SPD.

Preußischer Kultusminister (1930-1932)

 

Otto Braun (links) und Adolf Grimme vor dem Preußischen Landtag nach beendeter Sitzung am 24. Mai 1932. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1986-0620-500 / CC-BY-SA

An einer politischen Karriere war er nicht interessiert, wohl aber an Ämtern, in denen er seine Reformideen umsetzen konnte. Organisationstalent, Umgänglichkeit und Loyalität verhalfen ihm in der preußischen Schulbehörde zu einem raschen Aufstieg. Er war Vizepräsident des PSK7, als ihm der preußische Ministerpräsident Otto Braun 1930 das Angebot machte, in seinem Kabinett das Kultusministerium zu übernehmen. Dass Adolf Grimme dieses Amt als eine Chance betrachtete, seine Vision zu realisieren, erfuhr das Parlament aus seiner Antrittsrede, in der er als Ziel aller Kulturpolitik „das Werden des Menschen als eines Trägers geistiger Werte“ bezeichnete. In diesem Sinne habe der Staat die Kultur „als das freie Wettspiel der verschiedenen geistigen Richtungen zu fördern“8. Das war 1930 angesichts der Polarisierung der Politik durch Kommunisten und Nationalsozialisten eine Herausforderung.
Freilich blieb Adolf Grimme in den zwei Jahren bis zum „Preußenschlag“, der die gewählte Regierung hinwegfegte, keine Zeit für Reformen. Der Minister für Wissenschaft, Kunst und Bildung rieb sich vielmehr mit Schadensbegrenzung an der Basis auf. Die Sparmaßnahmen im Zuge der Wirtschaftskrise hatten sein Ressort besonders hart getroffen. 22.000 Lehramtskandidaten konnten zunächst nicht in den Staatsdienst übernommen werden. Durch solidarische Umverteilung gelang es Grimme damals, den größten Teil der Junglehrer in Arbeit und Brot zu halten.

Kultusminister 1946-1948

In seiner zweiten Amtszeit als Kultusminister 1946-1948 in Niedersachsen wird er sich wiederum auf die Behebung materieller Probleme konzentrieren müssen: den Schulbetrieb in Gang zu setzen und für Tausende Lehrer Planstellen zu schaffen. Weitaus mehr unter den Nägeln brannte ihm jetzt die geistige Not. Die Stunde Null war nicht etwa die Stunde der spontanen Demokratie. Vor allem jüngere Menschen kannten keine Alternative zur nationalsozialistischen Indoktrination. Die Deutschen mussten, ob es ihnen gefiel oder nicht, umerzogen werden. Für Adolf Grimme war dies die große Chance der Erwachsenenbildung. Die Volkshochschulen präsentierten sich als „Bildungsstätten, in denen man lernt, wie man frei, kritisch und verantwortungsbewusst denken soll, nicht aber: was man denken soll“ 9. Noch 1946 erschien die erste periodische Schrift, „Denkendes Volk“, herausgegeben von Heiner Lotze, dem Begründer der Heim-Volkshochschulbewegung, und Adolf Grimme. Es scheint weit hergeholt – doch hier ist die Wurzel des Grimmes-Preises mit allen seinen synergetischen Wirkungen.

Das Rundfunkstatut

Die „Reeducation“ war auch im Interesse der britischen Besatzungsmacht. Als der letzte Kultusminister der Weimarer Republik, ein auf 55 Kilogramm abgemagerter Häftling des Zuchthauses Fuhlsbüttel, im Mai 1945 aus einem britischen Gefangenentransport herausgeholt wurde, musste man ihn nicht lange bitten, sich für den Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen. Die Militärregierung suchte dringend politisch unbelastete Fachleute, um die Verwaltung ohne Nazis wiederaufzubauen. Grimme fing sofort als kommissarischer Regierungsdirektor in Hannover an und wurde in der ersten niedersächsischen Landesregierung Kultusminister. In dieser Eigenschaft traf er auf den britischen Kontrolloffizier Hugh Carleton Greene, der die Aufgabe hatte, aus dem Nordwestdeutschen Rundfunk in Hamburg einen Sender nach dem Vorbild der BBC zu machen. Greene fand Gefallen an Grimme; der wiederum sah die Chance, das etablierte Massenmedium Rundfunk (das Fernsehen steckte noch in den Kinderschuhen) zu Instrumenten seiner volkspädagogischen Vision zu machen und ließ sich am 15. November 1948 zu Greenes Nachfolger wählen. Zuvor erarbeiteten sie im Rahmen des konstituierenden Hauptausschusses das Statut des NWDR, in dem ausdrücklich festgelegt wurde, dass die politischen Parteien bei der Kontrolle des Rundfunkwesens keinerlei Mitbestimmungsrecht haben dürfen.

 

NWDR Der erste „unabhängige“ deutsche Sender. Während einer Feierstunde im großen Sendesaal des Nordwestdeutschen Rundfunks in Hamburg am 30-12-47 fand die Übergabe der neuen Satzungen an den NWDR statt. Durch diese Satzungen wird der NWDR ab 1-1-48 eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, die „unabhängig“ vom Staat und von Parteien arbeiten wird. Unser Bild zeigt die feierliche Überreichung der neuen Satzungen durch den politischen Berater des britischen Mitlitärgouverneurs, Mr. Steel (links) an den Vorsitzenden des Hauptausschusses des NWDR., Präsident Dr. Kieselbach (rechts). Foto: Bundesarchiv, Bild 183-2005-0802-513 / CC-BY-SA

Dies entsprach dem BBC-Modell, das eine politisch unabhängige Körperschaft öffentlichen Rechts ist. Die Macht liegt hier wie dort beim Verwaltungsrat. Anders als in England, wird bei uns zwar die Politik über die Parteienvertreter der Länder in die Gremien getragen. Doch was der neu gewählte Generaldirektor in seiner Antrittsrede über den Proporz sagte, gilt (cum grano salis) bis heute: „Der Rundfunk ist kein Instrument bestimmter Gruppen oder Mächte… Und weil in ihm Vertreter der SPD und CDU wie jeder anderen Partei, die das Prinzip der Achtung jeder Überzeugung vertritt, dies Grundprinzip des demokratischen Zusammenlebens, zu Wort kommen, wird er darum nicht selbst Machtinstrument der SPD und keins der CDU noch irgendeines sonstigen parteipolitischen Gebildes.“ 10. Diese Sätze fielen, wohlgemerkt, im Herbst 1948, als Demokratie in Deutschland noch als Besatzer-Import beargwöhnt wurde. Grimme hat als Mitverfasser des Rundfunkstatuts dazu beigetragen, die Freiheit der Berichterstattung in Rundfunk und Fernsehen zu garantieren, die beide in demselben institutionellen und legislativen Rahmen entwickelt wurden.

Die Technik hat Vorrang

Der neue Generaldirektor machte sich sogleich an den Aufbau einer Verwaltung nach preußischem Vorbild. An die Stelle des produktiven, kreativen Kollektivs, das Hugh Green gefördert hatte, trat eine Hierarchie mit strikt einzuhaltendem Dienstweg. Unter den Journalisten verbreitete sich Unmut. Man warf Grimme vor, er verstehe nichts vom Mediengeschäft. Dieser hatte ganz andere Sorgen: der Sender musste zunächst einmal technisch funktionieren.

 

Der NWDR war nach dem Krieg die größte westdeutsche Rundfunkanstalt. Fünf Millionen Hörer wohnten im Sendegebiet und nährten Grimmes Hoffnung, möglichst viele Menschen mit seiner Botschaft zu erreichen. Das setzte voraus, dass die Frequenzen bis zu ihnen reichten. Das war durchaus in Frage gestellt, da die Neuregelung der internationalen Frequenzverteilung bevorstand und es absehbar war, dass der Zugang deutscher Sender zu den leistungsstarken Mittelwellen von den Siegermächten drastisch reduziert werden würde. (So geschehen bei Kopenhagener Wellenplankonferenz im Herbst 1950). Die einzige Alternative war der Aufbau eines UKW-Rundfunks. Am 16. November 1948 – einen Tag nach Grimmes Amtsanstritt – beschloss der Verwaltungsrat des NWDR vorsorglich den Bau von 12 UkW-Sendern. 11 Das war eine große finanzielle Belastung für den Sender und führte dazu, dass die Entwicklung des Fernsehens vorläufig zurückstehen musste.

Phänomenologische Medienphilosophie

Wenn wieder ein neues Funkhaus in Betrieb genommen wurde, war das für Adolf Grimme die Gelegenheit, seine Medienphilosophie in öffentliche Rede zu kleiden. Der Husserl-Schüler verwendete den Begriff „Sendung“ im doppelten Wortsinn: als technische Ausstrahlung und als höheren Auftrag.12 In pietistischen Wendungen verkündete er, was seiner Ansicht nach die „volkspädagogische Mission“13 der Massenmedien sei: „Die Wiederbindung des Menschen an die echten Werte“, die in der „Zeit des Unheils“14 verlorengegangen seien. Was heute pathetisch wirkt – die Interpretation des Alltäglichen aus dem Universellen – findet sich bei zahlreichen Zeitgenossen Grimmes, die das Hitlerreich mehr oder weniger traumatisiert überlebt hatten und Trost in der Vorstellung einer unzerstörbaren Gegenwelt suchten. Freilich trat Grimme, und das verlieh seiner Sache Schwung, als Optimist auf. Die Rundfunktechnik verklärte er ins Wunderbare, da sie dazu bestimmt sei, die Menschen einander näher zu bringen. Und erst das Fernsehen! „Indem uns das Fernsehen den anderen Menschen in seiner wirklichen Natur, in seiner durch kein parteiisches Kollektiv verstellten Menschlichkeit erfassen lässt, bahnt es den Weg zum gegenseitigen Verstehen, zu diesem Anfang aller Achtung voreinander, und dadurch wie von selbst zum Miteinander“. 15

Eine (un)ehrenhafte Vergangenheit?

Adolf Grimme hatte zweifellos das Gefühl, über den Dingen zu stehen. Die zweieinvierteljährige Haft, die vor allem eine Zeit des Hungerns war, muss ihm wie ein Privileg erschienen sein, gemessen an dem Schicksal, dem er knapp entgangen war: der Hinrichtung in Plötzensee. Über private Kontakte war er in den Verschwörerkreis der „Roten Kapelle“ geraten, den er zumindest moralisch, vermutlich aber auch durch Mitarbeit an einigen Flugblättern unterstützte. (Er hat sich darüber auch nach dem Krieg nie geäußert). Als die GESTAPO das Netz aufrollte, drohte dem letzten Kultusminister der Weimarer Republik die Todesstrafe, weil nicht nur ein Flugblatt aus der Feder von Harro Schulze-Boysen bei ihm gefunden worden war, sondern auch ein in Zeitungspapier gewickeltes Päckchen mit 2000 RM, das ein Mitverschwörer bei ihm deponiert hatte, offenbar ohne ihm mitzuteilen, dass das Geld vom sowjetischen Geheimdienst stammte. Gegen ihn sprach auch, dass die Gruppe um Arvid Harnack sich regelmäßig in seinem Haus getroffen hatte. Grimme, dessen große Stärke inzwischen die Rhetorik war, überzeugte die Richter des Reichskriegsgerichts, vor dem er sich zu verantworten hatte, mit einer Verteidigungsrede, in der er das Recht des Staatsbürgers in Anspruch nahm, sich in Kriegszeiten über die Zukunft seines Landes Gedanken zu machen. Dass er als „christlicher Sozialist“ nicht mit dem Kommunismus sympathisiere, wurde ihm ebenfalls abgenommen. Jedenfalls ging das Gericht, als es ihn zu einer Zuchthausstrafe verurteilte, von seiner Glaubwürdigkeit aus.

Sendungsbewusstsein

Für Grimme muss die Tatsache, dass er als einer der wenigen Verschwörer der „Roten Kapelle“ mit einer Haftstrafe davon kam und auch das Zuchthaus ohne tieferen Schaden an Leib und Seele überlebte, eine Bestätigung dafür gewesen sein, dass er für eine besondere Aufgabe bestimmt war – deren Konturen sich abzeichneten, als ihm der Aufbau eines Massenmediums anvertraut wurde, in dem er in erster Linie ein Mittel sah, die Menschen einander näher zu bringen und ihnen in ihrer zertrümmerten Welt eine neue geistige Orientierung anzubieten. Die Utopie richtete die Perspektive aus; im Alltagsgeschäft war Grimme Pragmatiker, er setzte auf die Pädagogik. Er war fest davon überzeugt: Die Menschen sind bereit zu lernen, vorausgesetzt, es ist die richtige Botschaft. Unter dem Stichwort „Das Ethos des Rundfunks“ bzw. „Das Ethos des Fernsehens“ schrieb er die moralische Legitimation der Massenmedien in der Demokratie fest: „Für jede Rundfunksendung jedenfalls bleibt unabdingbar das Kriterium, dass bei aller Freiheit auch dem Staate gegenüber die demokratische Idee bejaht wird, darum bejaht wird, weil die Demokratie die Staatsform der Menschlichkeit ist“.

Es hätte seinen eigenen Prinzipien widersprochen, wenn er den Versuch gemacht hätte, ins Programm einzugreifen, doch gab es da eine noch von Hugh Greene gegründete Institution, die Rundfunkschule, die ihm für seine Mission verwertbar erschien. „Unter der Schirmherrschaft der Besatzungsmacht und mit ihrer Förderung stattete die Schule den… Journalistennachwuchs mit einem auch aus deutschen demokratischen Quellen herrührenden ,Grundgefühl‘ für journalistische Verantwortung in Freiheit, nicht zuletzt vom Staate, aus. Es erwies sich als resistent gegen spätere Gefährdungen“ 16. Diese Schule bildete Reporter für Funk und Fernsehen aus, die bei aller Unterschiedlichkeit der politischen Herkunft ihre Lektion gelernt hatten: „Gemeinsam waren uns allen – und das war ein starkes Band – der Hass auf Hitler und der Wille zum demokratischen Rechtsstaat“17. Unter ihnen befanden sich auch einige zukünftige Grimme-Preisträger. Peter von Zahn umriss seinerzeit die Grundsätze: Mut zur Unpopularität, Gründlichkeit, Grundsätzlichkeit.18 Dafür war in Deutschland die Zeit allerdings noch nicht reif. Erst 1961 ging mit „Panorama“ ein kritisches Magazin auf Sendung.

Volkserziehung

Dass sich in den öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland eine demonstrative, oft belehrende, nicht immer von Anbiederung freie Berichterstattung etablierte, daran war der pädagogische Impetus des NWDR-Generaldirektors nicht ganz unbeteiligt. Seine Lieblingsklientel, der er am ehesten zutraute, dass sie seine Mission in die Breite tragen würde, waren die Lehrer. Grimme regte „Spezialkurse“ an der Rundfunkschule an, PR-Veranstaltungen des Senders, die sich an ausgewählte Bevölkerungsgruppen wandten, inbesondere Lehrer, Theologen, Sozialarbeiter. Sie sollten das Misstrauen gegenüber den neuen Medien abbauen helfen. Indem er auch die Universitäten einspannte, wollte er wissenschaftliche Geburtshilfe für eine „die Rundfunkkultur tragende Gesellschaft “ 19 leisten. Nach anfänglicher Skepsis der angeschriebenen Hochschullehrer fanden die „Professorentagungen“ in Hamburg-Lokstedt lebhaften Zuspruch. Freilich überwogen hier nicht, wie Grimme gehofft hatte, die Philosophen und Soziologen, sondern die Juristen. Ein Konsens war nur über die erforderlichen Rahmenbedingungen zu erzielen: Autonomie der Medien, Qualität der Sendungen, verantwortungsbewusste Meinungsvielfalt. Aber immerhin – Grimme hatte mit seiner Initiative bewirkt, dass in Deutschland relativ früh über die neuen Medien nachgedacht, wissenschaftlich geforscht und kritisch geschrieben wurde. Er hat den virulenten „Bildungsauftrag“ der öffentlich-rechtlichen Anstalten im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert.

Das Fernsehen als Medium der Zukunft

Das Fernsehen beurteilte er von dessen Möglichkeiten her. Die amerikanische Praxis, die bei der gebildeten Schicht in Deutschland Angst und Abwehr hervorrief, lastete er nicht dem Medium an, sondern dem Umgang mit ihm. Es war für ihn eine Frage der Programmgestaltung, ob es der Zerstreuung Nahrung lieferte, oder dem Wissen und der Erkenntnis. Zweifellos stand er hinter der Aussage seines Fernsehdirektor Werner Pleister, der nach den Testsendungen im Herbst 1951 versprach: „Wir werden weniger unterhaltend sein als die Amerikaner und zeigen, dass es ohne ‚Hypnose und Dauerberieselung‘ geht. Wir werden nicht amerikanischen Vorbildern folgen, sondern täglich nur zwei bis drei Stunden eine gehaltvolle Kost anbieten.“20„Gehaltvoll“, das war das Schlüsselwort, „flache Unterhaltung“ das Antonym. Die Bildungsofferte repräsentiert die Tiefenschicht von Grimmes Vision der durchgebildeten Zivilgesellschaft im Zeichen der Technik, sie transzendiert das Tagesgeschäft in Richtung Ewigkeit, denn das diesseitige Reich des Geistes wird so etwas wie ein globales Psalmodieren der weisesten Texte der Weltliteratur sein, für die der Rundfunk Transmitter und Verstärker ist. So abgehoben diese Vorstellung ist – sie hat die mitreißende Kraft einer großen Vision. Alle Energie wird auf ein Ziel gerichtet, das zwar ein Gedankengespinst ist, aber in Einzelereignissen immer wieder Kontur gewinnt.

Die Nazis organisieren sich neu

Grimmes Botschaft an die Welt blieb jedoch nicht ohne Störungsversuche. Im Frühjahr 1951 zeigte sich, dass der Hydra, die erledigt zu sein schien, ein Kopf nachgewachsen war. Die Sozialistische Reichspartei, ein Sammelbecken alter Nazis, zog in den niedersächsischen Wahlkampf mit einem Pappkameraden: Adolf Grimme. Seine Vergangenheit holte ihn ein, die er selbst zu den Akten gelegt hatte. Er war kein Vergangenheits-Bewältiger. Sein Blick war nach vorn gerichtet. Auffällig ist, dass es zum Holocaust, von dem er bereits 1942 erfahren hat, von ihm keine Stellungnahme gibt. Die Gruppe um Harnack und Schulze-Boysen war von Augenzeugen über die Ermordung jüdischer Zivilisten an der Ostfront informiert worden. Spätestens während der Nürnberger Prozesse muss Grimme, der mit dem stellvertretenden Hauptankläger Robert Kempner Kontakt hatte, von dem ungeheuren Ausmaß der Verbrechen erfahren haben. Er stimmte aber nicht in den Chor der Empörung und Selbstanklage mit ein. Sein Gesichtspunkt war ein anderer. Dass Hitler zu jedem Verbrechen fähig war, hätten die Deutschen spätestens seit dem August 1932 wissen müssen, als sein Glückwunschtelegramm an die SA-Männer veröffentlicht wurde, die in Potemka einen Arbeiter bestialisch ermordet hatten. „Hitler und die Männer in seiner Umgebung waren Verbrecher, sie waren Meineidige, Lügner und Mörder, bar jeder Moral und aus eigenem Wollen außerhalb jeder menschlichen Rechtsordnung stehend. Wenn ich mich also einer Schuld zeihen wollte, dann müßte es die sein: nicht schon vom ersten Tag an tätiger gegen diesen verbrecherischen Wahnsinn eingeschritten zu sein“ 21.

Da er selbst Widerstand geleistet hatte und dafür bestraft worden war, sah er sich an der Seite der Opfer. Die Kollektivschuldthese lehnte er mit der Begründung ab, dass die unzähligen Ermordeten und Verfolgten des Regimes den Begriff des Kollektiven widerlegten. Auch dürfe man diejenigen, auf die es in den nächsten Jahrzehnten ankomme, nicht verantwortlich für ein Geschehen machen, das sie in ihrer Altersstufe nicht selbst verantwortet hätten. In seiner Zeit als niedersächsischer Kultusminster erreichte er, dass ab dem Geburtsjahr 1915 eine Generalamnestie erlassen wurde. Für diese Jahrgänge setzte er Erwachsenenbildung, Abendgymnasium, Lehrerausbildung an Pädagogischen Hochschulen durch. Das war vorausschauend und sicherte ihm die Gefolgschaft der Berufsschicht, die willens und in der Lage war, die Botschaft an die nächste Generation weiterzugeben.

Die Schmutzkampagne

Was er offenbar unterschätzte, war die Resistenz der alten Nazis gegen den Aufbruch in eine bessere Gesellschaft. Sein Glaube an die menschliche Lernfähigkeit scheint unerschütterlich gewesen zu sein. Personalentscheidungen traf er allein, und mehr als einmal machte er den Fehler, Männer einzustellen, die durch die Nähe zur NSdAP oder gar SA belastet waren, weil deren fachliche Kompetenz ihm wichtiger erschien als ihre ideologischen Irrtümer. Der linksliberale Pluralismus des NWDR missfiel nicht nur Konrad Adenauer, der einen eigenen Sender für Nordrhein-Westfalen wünschte (und später auch bekam), sondern vor allem der nationalsozialistischen Nachfolgepartei SRP, die im Frühjahr 1951 mit Dr. Manfred Roeder in den Wahlkampf ging. Der als „Hitlers Bluthund“ verrufene Militärrichter hatte in den „Rote Kapelle“ – Prozessen vor dem Reichskriegsgericht 1942/43 die Anklage vertreten und alle Spielarten der Demütigung und Aussagenerpressung gegen die Angeklagten angewandt, für die er fast in jedem Fall die Todesstrafe durchsetzte. Selbst Adolf Grimme, der sich solche unchristlichen Reaktionen gewöhnlich versagte, hasste ihn genug, um ihn wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit bei den Alliierten anzuzeigen. In Nürnberg kam es zu einer dramatischen Gegenüberstellung in der Gegenwart von Robert Kempner, doch für eine Anklage reichten die Beweise nicht.

Verbot der rechtsradikalen SRP

Roeder hatte auf Grund der Vorwürfe, die man ihm machte, dreieinhalb Jahre Untersuchungshaft in Lagern und Gefängnissen verbracht und war entschlossen, sich zu rächen. Er behauptete öffentlich, die „Rote Kapelle“ sei nach wie vor als Spionagenetz der Sowjetunion aktiv und der Generaldirektor des WDR ein „Landesverräter“ und kommunistischer Agent. Zwischen den beiden Männern fand mittels Zeitungsartikeln und Pressemitteilungen ein Schlagaustausch statt, in dem Grimme allzu selbstgewiss auf seine moralische Integrität baute. Er sah sich bald in der Defensive, denn sein wiederholter Hinweis, dass er als überführter Spion den Prozess wohl kaum überlebt hätte, wirkte auf die Dauer kraftlos. Gemeinsam mit Konrad Adenauer, der ebenfalls beleidigenden Anwürfen von Seiten der SRP ausgesetzt war, erwirkte er schließlich das Verbot der Partei durch das Bundesverfassungsgericht am 23. Oktober 1952, das dem Spuk ein Ende setzte.

Rückzug

Drei Jahre später verließ Adolf Grimme die öffentlich-rechtliche Bühne als ein Gescheiterter. Seine Vision eines überregionalen, West und Ost verbindenden Senders in Hamburg hatte sich nicht realisieren lassen, weil parteigebundene Länderinteressen dagegen standen. Der Förderalismus hatte seinen Preis. Als der NWDR 1955 in NDR und WDR zerfiel, trat Adolf Grimme zurück. “Wenn ich bis heute den NWDR verwaltete, so geschah es, weil ich in ihm ein Instrument sah, das der unheilvollen deutschen Zersplitterung entgegenwirken könnte. Der deutschen Jugend glaubte ich schuldig zu sein, wenigstens auf diesem Sektor ein großes deutsches verbindendes Organ zu verwalten… Vor dem Forum der Geschichte möchte ich einmal nicht zu denen gehören, die wider ihre Einsicht etwas niederrissen, anstatt aufzubauen. Es liefe meiner menschlichen und politischen Haltung zuwider, wollte ich meine Kraft, die seit je, wie auch immer, dem Aufbau gedient hat, nun dieser Zerschlagung leihen”22.

Gibt es einen medialen Erziehungsauftrag?

Das Medium Fernsehen wuchs nicht, es explodierte. Im Jahr 1961, als das ZDF gegründet wurde und die Befürchtung zunahm, die Zuschauer könnten der Suggestion der Bilder wehrlos erliegen, stiftete der DVV einen Preis, der den ausdrücklichen Zweck hatte, das öffentlich-rechtliche Fernsehen auf seine Verantwortung festzunageln. In den Statuten hält sich seither mehr oder weniger bündig formuliert der Satz: „Mit einem Grimme-Preis werden Fernsehsendungen und -leistungen ausgezeichnet, die für die Programmpraxis vorbildlich und modellhaft sind“ 23. Was ist vorbildlich, was bedeutet modellhaft? Als Adolf Grimme 1963 starb, gab man dem geplanten Preis seinen Namen, und das war kein Zufall, sondern ein Programm. Die Symbiose zwischen Grimme und dem Fernsehpreis ist aus der Atmosphäre der frühen Nachkriegszeit erwachsen, als der damalige niedersächsische Kultusminister auf der Suche nach Unterstützung bei der Umerziehung der Deutschen sich der Institutionen der Erwachsenenbildung entsann. In der Folgezeit, sicher auch auf Grund der intensiven Werbung für Grimmes Volksbildungsprojekt, wurde der Deutsche Volkshochschulverband zum eigentlichen Hüter des medialen Bildungsauftrags. Dieses „Was-lernen-wir-daraus“ war die Lupe, unter die das beargwöhnte Fernsehen genommen wurde.

Aus einer Haltung wird ein Label

Dem lag im übrigen ein Missverständnis zugrunde, das Grimme mit den meisten Programmgestaltern der ersten Generation und wohl auch mit dem Publikum teilte. Das Fernsehen wurde – anders als der Film, der ja schon seit einem halben Jahrhundert präsent war – zunächst als ein bebildertes Wortmedium rezipiert, das entweder Menschen zeigte, die sprachen oder Dinge, über die gesprochen wurde. Entsprechend inhaltsbezogen waren die Bewertungskriterien. Wenn überhaupt eine Kritik erschien. Das Fernsehen wurde von den meisten Feuilletons zunächst boykottiert. Die Adresse war der kulturellen Elite nicht fein genug. Das änderte sich tatsächlich mit dem Preis. Ein bisschen Magie war auch dabei. Grimmes Geist hatte einen Ort bekommen: Marl; Hohepriester: die Jury; ein Ritual: die Jury-Sitzung, die mit weißen Rauchzeichen endet; eine Gemeinde, die ständig wächst: Die Einreicher, die Nominierten, die Ausgezeichneten, die Kritiker, die Berichterstatter, das Publikum. In einem halben Jahrhundert hat sich der Adolf-Grimme-Preis zu einem Götterbaum mit festen Etagen und unzähligen Nischen verzweigt. Des Namensgebers wurde dabei immer seltener gedacht. 2011 wurde stillschweigend der Vorname „Adolf“ entfernt und „Grimme“ in eine Corporate Identity verwandelt. Wenn jetzt von „dem Grimme“ die Rede ist, hat man es nicht mit einer Person, sondern mit Vertretern des Marler Preis-Kollektivs zu tun.

Meinungsvielfalt

Grimmes Vision ist über ein halbes Jahrhundert alt, und sie beruhte auf den damaligen technischen Möglichkeiten. Inzwischen hat die Satellitentechnologie das Angebot multipliziert, und der Äther schwirrt von einander widersprechenden Botschaften. Die postulierte Meinungsvielfalt ist jetzt eine Eigenschaft des Netzes selbst. In weitaus größerem Umfang, als er sich vorstellen konnte, „steht das Schicksal der Anderen … mitten in unserer eigenen Stube“ 24, und darüber hinaus das Schicksal des Globus, denn es gibt keine Naturkatastrophe, von der wir nicht erfahren. Insofern hat der Visionär eher zu kurz gegriffen, als er den Blick über Deutschlands Grenzen hinaus auf Europa richtete. Hat sich Grimmes Geist ganz aus der Institution zurückgezogen? Man könnte es meinen, wenn man die Unterschiedlichkeit der Juryentscheidungen und ihre Begründungen zur Kenntnis nimmt. Doch entspricht diese Vielstimmigkeit, die sich bei den Beratungen entfaltet, nicht exakt dem Ideal einer demokratischen Meinungsvielfalt, die zu wechselnden Abstimmungsergebnissen führt? Eine Liste von Eigenschaften, die bei der Beurteilung eines Fernsehbeitrags abgearbeitet werden müsste, wäre fatal.

Und die kulturelle Mission? Sie war das Bindeglied zwischen Grimme, Fernsehen und DVV. Vom Zweck-Korsett der erzieherischen Relevanz haben sich die Verwalter des Preises, nachdem man ihnen immer mehr Bildungsserien vorsetzte, schon 1970 gelöst, als sie beschlossen, „sich mehr als bisher zu entpädagogisieren und … das ganze deutsche Fernsehprogramm unter dem Gesichtspunkt zu bewerten, wie weit es dazu dient, die kritische Beschäftigung mit dem Fernsehen ebenso anzuregen wie das kritische Bewusstsein Erwachsener zu schärfen“ 25. Diese Vorgabe lässt Raum für ästhetische Kriterien. Ein halbes Jahrhundert Grimme-Preis zu analysieren, ist ein eigenes Thema. Die Fernsehproduktion unterliegt Konjunkturen, es finden Entwicklungen statt. Auch die Marler Preisrichter haben dazu gelernt. Ihr Handwerkszeug ist in dem Maß raffinierter geworden, in dem das Fernsehen sich professionalisierte.

Vorbildlicher Journalismus

Keine Spur von Grimme mehr im Grimme-Preis? Oh doch. Denn der Mann hatte ja nicht nur eine Vision. Er hatte auch eine Haltung, die er nicht predigte, sondern vorlebte: Moralische Integrität, soziale Verantwortung. Die Journalisten, Redakteure und Filmemacher der ARD, die teilweise noch in der Rundfunkschule des NWDR ausgebildet worden sind und die „der Hass auf Hitler und der Wille zum demokratischen Rechtsstaat“26 einte, reichten in Marl Beiträge ein, die den Grimme-Preis in Gold vor allem dafür verdienten, dass sie sich mit dem Holocaust und mit dem NS-Staat beschäftigten – was in den frühen 60er Jahren noch weitgehend tabu war. (Der Auschwitz-Prozess in Frankfurt fand 1963 statt). Die ersten Grimmepreise, die 1964 vergeben wurden, gingen an Sendungen, die beherzt in diverse Wespennester gegriffen hatten: Die Sendereihe „Der SS-Staat“; die Reportage „Sind wir Revanchisten?“, für die Jürgen Neven-du-Mont von den Vertriebenenverbänden heftig angegriffen wurde; das Interview, das Günter Gaus mit Gustav Gründgens geführt hatte. 1965 wurde der Grimme-Preis in Gold an Franz Peter Wirths Nacherzählung der Geschichte des Joel Brand vergeben, der eine Million Juden mit 10 000 Lastwagen freikaufen wollte, und wiederum an Günter Gaus für sein Gespräch mit Hannah Arendt. 1966 wurde Peter von Zahn u.a. für „§ 175 – Die Homosexuellen“ ausgezeichnet, die während des 3. Reiches in KZs verbracht und ermordet worden waren.

Bis zur Zwischenbilanz 1993 wurden 50 Grimmepreise für die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit vergeben. Mit dem geschichtlichen Abstand wurden diese Beiträge seltener. Dennoch führt ein moralisches Band von der Beschäftigung mit der eigenen Geschichte zur Auszeichnung der Dokumentation „Aghet“ 2011, die vom Genozid an den Armeniern erzählt. Die Grimme-Jury legt ihre Kriterien offen: „,Aghet‘ von Eric Friedler ist ein Glücksfall – trotz seiner bestürzenden Thematik. Denn der Film über den Völkermord an den Armeniern entreißt diesen von vielen ignorierten Genozid, der ab 1915 rund 1,5 Millionen Menschen das Leben kostete, dem Vergessen. Der Film belegt zudem, dass auch im 21. Jahrhundert vermeintliche diplomatische Notwendigkeiten und politstrategische Rücksichtnahme mehr zählen als die historische Wahrheit – und ein amerikanischer Politiker, der als US-Senator den Völkermord noch beim Namen nannte, jetzt als US-Präsident unter Wortfindungsstörungen leidet. – Die Früchte jahrelanger Kleinarbeit in Archiven sind dabei nicht nur zeitgenössische Filmsequenzen aus der Zeit vor und während des Genozids. Durch die Einbeziehung von Tagebuchnotizen, offiziellen Depeschen und privater Korrespondenz damaliger Augenzeugen aus westeuropäischen Staaten und den USA – darunter neben Diplomaten auch Krankenschwestern, Lehrer und Geistliche – gewinnt der Film eine zusätzliche Authentizität“27

Aus dieser Begründung erschließt sich, was die Grimme-Jury für vorbildlichen Journalismus hält: Mut zur Unpopularität, Gründlichkeit, Grundsätzlichkeit.28 _ Das kommt uns bekannt vor.

1  http://www.fernsehmuseum.info/diefernsehstory.htlm
2 FAZ, 5.1.1951
3 Adolf Grimme, Die Sendung der Sendungen des Rundfunks, Frankfurt 1955, S. 63
4 Kai Burkhardt, Adolf Grimme (1889-1963), Köln Weimar Wien 2007, S. 303
5 Adolf Grimme, Die Sendung der Sendungen des Rundfunks, Frankfurt/M 1957 S.14
6 Lutz Hachmeister (Hg), Das Fernsehen und sein Preis: Materialien zur Geschichte des Adolf-Grimme-Preises 1973-1993
7 Provinzialschulkollegium Berlin/Brandenburg
8 Preußischer Landtag : Rede des Ministers f. W., K. u. B., Grimme, zum Kultusetat am 31.März 1930 Quelle: Deutsches Philologen-Blatt [Elektronische Ressource] : Korrespondenz-Blatt für der akademisch gebildeten Lehrerstand Band: 38 Jahr: 1930 Heft: 15/16 Seiten: 239 – 242
9 Ulrich Spies, Der Preis der Aufklärung, in: Lars Rinsdorf et. Alt., Journalismus mit Bodenhaftung, Münster 2003, S. 262
10 Grimme, Adolf, Die Sendung der Sendungen des Rundfunks, S. 42
11 Werner Pfeifer, Die Entstehung des Fernsehens beim NWDR (1945-1954), Wissenschaftliche Hausarbeit, Hamburg 1986, S. 19 ff
12 Grimme, a.a.O., S. 14
13 a.a.O., S. 10
14 a.a.O.
15 Grimme, a,a,O., S. 68
16 Dietrich Schwarzkopf: Ausbildung und Vertrauensbildung. Die Rundfunkschule des NWDR (= ordwestdeutsche Hefte zur Rundfunkgeschichte; 6) S. 27
17 Peter von Zahn, Stimme der ersten Stunde, Hamburg 1991, S. 259
18 „Evangelische Welt“ in einem Tagungsbericht vom 15. Oktober 1948
19 Grimme, Adolf, Die Sendungen der Sendungen des Rundfunks, S. 47
20 WAZ 21.9.1951
21 Grimme, Briefe, hrsg, von Dieter Sauberzweig, 1967, S. 111
22 Adolf Grimme, Briefe, S. 190
23 http://www.grimme-institut.de/html/index.php?id=480
24 s. Fußnote 3
25 Lutz Hachmeister, Das Fernsehen und sein Preis, Marl 1994, S.21 f
26 Wie 16)
27 http://www.grimme-institut.de/html/index.php?id=1279
28 Wie 17)

Gedanken zu Verfilmung

Dokudrama

Erzählweise: Wechsel zwischen Spielszenen, Archivmaterial und Inserts, verbunden durch einen (sparsamen) Kommentar.

Klapp-Erika v. Seidel & Naumann Dresden um 1916. Foto: Antiquariat Peter Kiefer

Grimmes Reden werden in den Kontext des politischen Tagesgeschehens gestellt, auf das sie sich beziehen (Revolution 1918, Verteidigung der Republik 1933, Kontrollkommission 1946), ebenso seine Tätigkeit als Minister. Dazu gibt es reiches Wochenschaumaterial.

Die Spannung zwischen seinem öffentlichen Auftreten als Redner z. B. im Landtag und der „Arbeit im stillen Kämmerlein“ soll ausgespielt werden. Die Beratungen über Gesetzesvorlagen mit seinen Mitarbeitern etc. finden im Dialog statt., der sich auf authentische Äußerungen stützt. Die Stationen seines Privatlebens werden teils inszeniert, teils durch Inserts aus dem umfangreichen Nachlass (Zeugnisse, Briefe, Fotos) belegt. Den „Mann des Wortes“, der Reden, Briefe, Aufsätze schreibt, repräsentiert eine Reise-Schreibmaschine. Sie kommt leitmotivisch hin und wieder wieder ins Bild, und gelegentlich übernehmen die Wörter in der Nahaufnahme die Rolle von Protagonisten, zum Beispiel: „Religiöser Sozialismus“.